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Ehegattensplitting - Das 50er Jahre Alleinverdiener Relik

Das Ehegattensplitting fördert gezielt Einkommensunterschiede unter Eheleuten - in unserer Gesellschaft verliert dabei fast immer die Frau

 

Wie funktioniert das Ehegattensplitting?

Das Gehalt von beiden Eheleuten bzw. eingetragenen Partnerschaften (im Folgenden: Partner) wird zusammengerechnet und halbiert. Dann wird die Steuer berechnet und diese dann verdoppelt.

 

Daraus folgt

Je größer die Einkommensdifferenz der Partner und je höher der Steuersatz, umso größer der finanzielle Vorteil, der sich aus der Zusammenveranlagung ergibt. Keinen Splittingvorteil gibt es, wenn beide gleich viel verdienen, sprich ökonomisch gleichgestellt sind.

 

An der Realität vorbei

Laut Studien leben 40 Prozent der Paare mit Kindern heute ohne Trauschein oder als Alleinerziehende.

 

Wer profitiert?

  • Spitzenverdiener mit Stay-at-home-Mum (oder Dad - haha) können bis zu 15.000 Euro pro Jahr sparen.

  • Indirekt: Kinderfreie Ehe. Hier “kann ungestört gearbeitet, Rentenpunkte gesammelt und zudem privat vorgesorgt werden.”

 

Wer zieht den Kürzeren?

  • Alleinerziehende

  • Ehepaare, die gleichberechtigt leben, sich die Kinderbetreuung fair aufteilen und etwa gleich viel arbeiten und verdienen.

  • Verwitwete, ab dem 2. Todesjahr des Partners. Danach erhält der/die Hinterbliebene (oft Frauen, da längere Lebenserwartung) 55% der Rente des Verstorbenen.

  • Geschiedene, denn im Jahr der Trennung können beide das Splitting noch nutzen; nach einer Scheidung stellt sich die Hausfrau wesentlich schlechter als der Alleinverdiener.

 

Nicole Strasser erklärt in ihrem Artikel “Warum Kinder kriegen, wenn ich arbeiten gehen kann” in der Zeit: “Seit der Änderung des Unterhaltsrechts 2008 müssen Männer ihren Exfrauen nach einer Scheidung (in Einzelfällen gilt das selbstverständlich auch andersherum) nicht mehr in jedem Fall nachehelichen Unterhalt zahlen. Das ist schizophren, solange während der Ehe die berufliche Eigenständigkeit der Frau durch das Ehegattensplitting torpediert wird. Da wurde also B gesagt, aber leider nie A.” Daraus folgt: “Die geschiedene oder verwitwete Mutter oder der Vater mit zwei Kindern verliert den Splittingvorteil und wird nahezu besteuert wie der kinderlose Single-Onkel.”

 

Ungleich und ungerecht - laut Grundgesetz

 

Die Hans Böckler Stiftung kommt zu dem Urteil, dass das Ehegattensplitting auch vor dem Grundgesetz unhaltbar ist, da es das Gleichheitsgebot verletze. Darüber hinaus subventiere es Alleinverdiener.

 

1. Artikel 6: Besonderer Schutz von Ehe und Familie

“Zur Rechtfertigung des Ehegattensplittings ziehen Juristen Artikel 6 des Grundgesetzes heran, wonach Ehe und Familie nicht benachteiligt werden dürfen. Verheiratete dürfen also in keinem Fall höher besteuert werden als Unverheiratete. Doch müssen sie deshalb finanziell gefördert werden? (...) Schließlich fördere das Ehegattensplitting nicht die Ehe als solche, sondern nur jene Ehetypen, in denen ein Einkommensgefälle besteht…”

Nachzulesen hier.

 

2. Artikel 3: Gleichberechtigung von Männern und Frauen

  • Gut 90 Prozent aller Lohnsteuerpflichtigen in Steuerklasse V sind Frauen. Das potenziert den Anreiz des Splittings, für die Frau lohnt es sich einfach nicht (oder mehr Stunden) arbeiten zu gehen.

  • ­Finanzielle Nachteile zum Beispiel bei Arbeitslosigkeit oder Mutterschaft. Höhe des Arbeitslosen-, Mutterschafts- oder Elterngeldes knüpft an den Nettolohn an.

  • Keine konsequente steuerliche Anerkennung von Kinderbetreuungskosten nur bis 4.000 Euro. Von zu Hause betreuen, lohnt sich dann für viele mehr.

 

Ehegattensplitting ist kein Frauenthema sondern ein gesamtgesellschaftliches Problem

 

  1. “Es zementiere bestehende Ungleichheiten eher, als schwächer Verdienende zu entlasten, so eine wissenschaftliche Analyse. Hochverdiener mit großen Einkommensunterschieden am meisten entlastet.”Ebenso verhält es sich übrings mit dem Steuerfreibetrag für splittende Eheleute. Der schlechter Verdienende kann (Teile ihres) Freibetrags an den Partner übertragen.

  2. Rentenlücke: Wer zahlt die Rente des kinderlosen Onkels/Tante, “wenn Frauen heute schon vor dem ersten Kind kapieren, dass sie ohne Kinder und dafür mit Vollzeitjob besser durchs Alter kommen.”

  3. Altersarmut: Wenn sich das Arbeiten für Frauen nicht lohnt, diese über Jahre zu Hause bleiben bzw. nur für wenige Stunden an ihren Arbeitsplatz zurückkehren, resultiert daraus eine direkte Abhängigkeit vom Mann bzw. im Falle von Tod oder Scheidung vom Staat. Armutsquote bei Rentnerinnen in Westdeutschland höher ist (16,9 Prozent) als bei Rentnerinnen in Ostdeutschland (13,4 Prozent), wo Frauen nach der Geburt für gewöhnlich früher wieder ins Arbeitsleben zurückgekehrt sind.Q.: ARD mit Verweis auf das Statistische Bundesamt

Deutschland hat mit 44,8 Prozent (2014) in Europa die größte Pension Pay Gap, also die Lücke zwischen dem Alterssicherungseinkommen der Frauen gegenüber dem der Männer. Dabei fällt auf, dass diese Lücke in den alten Bundesländern deutlich höher ausfällt (West, verheiratet mit Kind(ern) 69,6 Prozent vs Ost, verheiratet mit Kind(ern) 39,6 Prozent.

 

  1. Benachteiligung von Witwern und Alleinerziehenden mit Kindern: Die Steuerlast ist höher als bei einem Paar ohne Kinder mit gleichem Einkommen.

  2. Entgangene Steuern für den Staat: Subventierung eines Gutverdieners vs Steuereinnahmen von zwei Gutverdienern. Dem Staat dabei entgeht, zeigt Finanztip in seiner Tabelle

  3. Entgangener Konsum: Derjenige, der das Geld verdient, entscheidet darüber, was gekauft wird. Weniger Gehalt, weniger Partizipation am Konsum, weniger Einnahmen für die Wirtschaft und den Staat.

Was kannst Du tun?

Du findest auch, dass Schluss sein muss mit dem Relikt aus den 50er Jahren? Du forderst wirtschaftliche Gleichberechtigung von Partnern? Dann kannst du folgendes tun:

  • Leiste Aufklärungsarbeit:

    • Spreche mit Freunden, Kollegen, Bekannten und Verwandten über dieses Thema

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Du hast weitere Informationen, neuere Zahlen, aktuelle Artikel zum Thema - dann schreibe uns an hallo@fragtuns.de oder kontaktiere unsere Themen-Expertin Anna Maria Edmonds!

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  • Für Alleinerziehende mit Kindern: Reicht Widerspruch beim Steuerbescheid ein. Der Verein Fair für Kinder hat hier eine Vorlage erstellt.

 

Anna Maria Edmonds
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