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In den letzten Monaten setzte die Atomlobby die Bundesregierung massiv unter Druck. Mit Erfolg: Gerade einigte sich die Kanzlerin mit den Ministern und Parteispitzen darauf, die Laufzeiten für Atomkraftwerke um durchschnittlich 12 Jahre zu verlängern. Ältere Meiler sollen "nur" 8 Jahre länger am Netz bleiben, Anlagen mit Baujahr ab 1981 dagegen 14 Jahre. Selbst Sicherheitsnachrüstungen etwa gegen Flugzeugabstürze scheinen vom Tisch zu sein. Noch drei Jahrzehnte würden die Atomreaktoren uns damit einem ständig steigenden tödlichen Unfallrisiko aussetzen – und für die Atomkonzerne jährlich Milliardengewinne abwerfen!
Jetzt müssen wir Bürger/innen gegen die unverantwortliche Klientelpolitik der Bundesregierung aufstehen. Wir haben nicht so viel Geld und Lobbyeinfluss, aber die besseren Argumente - und eine Anti-Atom-Bewegung, die so stark ist wie nie zuvor!
Die Bundesregierung verkauft Atomkraft als "Brücktechnologie" in das Zeitalter der Erneuerbaren Energien. Doch genau das Gegenteil ist der Fall: Der Weiterbetrieb der Atomkraftwerke blockiert den Ausbau der Erneuerbaren Energien. Weil Atomkraftwerke nicht flexibel regelbar sind, kann ihre Leistung nicht an die schwankende Erzeugung aus Sonne und Wind angepasst werden. Bleiben Atomkraftwerke länger am Netz, verstopfen sie mit ihrem Strom die Netze und blockieren zunehmend die Einspeisung von Wind- und Sonnenergie.
Die wissenschaftlichen Berater der Bundesregierung, der Sachverständigenrat für Umweltfragen, rechnen vor: Deutschland kann bis zum Jahr 2050 mit Strom aus erneuerbaren Energien versorgt werden. Bei der Veröffentlichung betonte der Energieexperte des Rates, Prof. Dr. Olav Hohmeyer: „Für die Übergangszeit sind weder Laufzeitverlängerungen für Atomkraftwerke noch neue Kohlekraftwerke erforderlich. Die Brücke zu den erneuerbaren Energien steht bereits“.
Die rasante Ausbaudynamik der Erneuerbaren macht Atomkraft als „Brückentechnologie“ komplett unnötig – die ältesten und pannenanfälligsten Meiler könnten sogar sofort abgeschaltet und die Laufzeiten der übrigen Reaktoren verkürzt werden, ohne dass irgendwo der Strom ausfiele (s. unten).
Mit abgeschriebenen und hoch subventionierten Atomkraftwerken lässt sich in der Tat Strom billig erzeugen – für unter 2 Cent pro Kilowattstunde. Doch dieser Strom kommt nicht günstig beim Kunden an, sondern wird zu dem Preis verkauft, wie er sich an der Leipziger Strombörse bildet. Den Preis von derzeit etwa 7 bis 8 Cent bestimmen die Kraftwerke mit den höchsten Produktionskosten.
Die Differenz zwischen billig erzeugtem Atomstrom und dem Marktpreis füllt nur weiter die Konzernkassen. Jedes Jahr, in dem die 17 deutschen Atomreaktoren weiterlaufen, bringt den Unternehmen einen zusätzlichen Gewinn von rund 10 Milliarden Euro. Um die Zustimmung der Politik zur Laufzeitverlängerung zu erkaufen, wollen sie einen Teil davon für klimafreundliche Technologien einsetzen. Doch für eine größere Dynamik beim Ausbau Erneuerbarer Energien braucht es nicht in erster Linie mehr Geld, sondern weniger Blockaden durch die Konzerne – etwa beim Netzausbau für Offshore-Windanlagen.
Die Erzeugung von Atomstrom ist nur günstig, da wir Steuerzahler ihn subventionieren. Wir und nicht die Konzerne müssen im Falle eines Super-GAUs für Schäden aufkommen. Auf fünf Billionen Euro beziffert das Bundeswirtschaftsministerium die Kosten eines Unfalls – für den Löwenanteil davon müsste der Staat und damit wir alle aufkommen. Zudem flossen seit Betrieb der Atomkraft in Deutschland etwa 100 Milliarden Euro öffentlicher Geldmittel als Subventionen in die Atomkraft. Einige Beispiele: 20 Milliarden Euro Subventionen gingen in Forschungsreaktoren, 9 Milliarden in gescheiterte Projekte wie die Wiederaufarbeitungsanlage Wackersdorf und den Schnellen Brüter Kalkar. 23 Milliarden Euro Steuermittel entgingen der öffentlichen Hand, da die Energiekonzerne Gewinne steuerfrei als Rückstellungen für die „Entsorgung“ von alten Reaktoren verbuchen durften.
Die Stromerzeugung ist alles andere als klimaneutral. Denn die Gewinnung von Uran ist äußerst energieaufwändig. Nach Berechnungen des Öko-Instituts entstehen bis zu 65g CO2 pro Kilowattstunde. Zum Vergleich: Ein modernes Blockheizkraftwerk mit Wärme-Auskopplung kommt auf 49g, eine Windkraftanlagen auf 24g – die vor allem bei der Herstellung entstehen.
Für den Fall, dass Deutschland aus der Atomkraft wie beschlossen aussteigt und auf neue Kohlekraftwerke verzichtet, malt die Atomlobby eine „Stromlücke“ an die Wand. Doch das ist eine glatte Lüge, wie ein Blick auf die Statistiken zeigt: Allein im ersten Quartal 2010 lieferte Deutschland über 18 Milliarden Kilowattstunden Strom ins Ausland, während im gleichen Zeitraum nur 8,9 Milliarden Kilowattstunden Strom aus dem Ausland nach Deutschland importiert wurden. Mit gut 9 Milliarden Kilowattstunden erzielte die Bundesrepublik den höchsten Strom-Exportüberschuss ihrer Geschichte. Damit wurde im ersten Quartal in Deutschland 6,7 Prozent mehr Strom erzeugt als verbraucht – obwohl die Atomkraftwerke Krümmel und Brunsbüttel nicht eine einzige Kilowattstunde produzierten. Das belegen die Zahlen der Arbeitsgemeinschaft Energiebilanzen, einem Zusammenschluss von sieben Verbänden der Energiewirtschaft.
Der Exportüberschuss entsprach ziemlich exakt jener Menge, die in der gleichen Zeit in den alten Reaktoren Biblis A und B, Neckarwestheim I, Isar 1, Philippsburg 1 und Grafenrheinfeld erzeugt wurde. Das bedeutet: Deutschland hätte auf acht Atomkraftwerke verzichten können – und hätte selbst dann noch eine ausgeglichene Bilanz. Von einer “Stromlücke” kann also überhaupt keine Rede sein. Zumal der Strom-Exportüberschuss Deutschlands seit dem Jahr 2002 kontinuierlich steigt. Bis dahin war die Bilanz mit kleinen Schwankungen recht ausgeglichen. Der Grund für die gewaltigen Stromexportüberschüsse ist der anhaltende Boom bei den erneuerbaren Energien, den das rot-grüne Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) ausgelöst hat.
Angeblich erfährt die Atomenergie weltweit eine Renaissance. Deutschland sei als einziges großes Industrieland nicht mit dabei. Doch dies ist nur Propaganda der Atomlobby. Laut der Internationaler Atomenergie Agentur (IAEA) waren 1990 weltweit 83 Atomkraftwerke im Bau, 1998 waren es 36, heute sind es noch 34. Laufend werden mehr Atomkraftwerke stillgelegt als neu in Betrieb genommen. In Europa gibt es eine ganze Reihe von Ländern, die ohne Atomenergie auskommen, wie Portugal, Dänemark, Norwegen, Polen, Österreich und Irland.
Die Gefahren der Atomkraft sind mit der neuen Diskussion kein Stück kleiner geworden. Im Gegenteil: Je länger die Meiler am Netz bleiben, desto stärker steigt das tödliche Unfallrisiko und die strahlenden Atommüllberge wachsen immer weiter an.
Die Atomkraftwerke, die nach dem Atomausstieg von Rot-Grün eigentlich in den nächsten Jahren abgeschaltet werden sollten, wurden in den 1970er Jahren gebaut, ihre Technik ist auf dem Stand der 1960er Jahre. Je älter die Kraftwerke werden, um so mehr häufen sich die Störfälle. Auch hat spätestens seit dem 11. September 2001 die Bedrohung durch Terroranschläge zugenommen. Gegen einen gezielten Flugzeugabsturz sind die Anlagen gar nicht oder nicht ausreichend geschützt.
Jedes Jahr fallen in deutschen Atomreaktoren etwa 450 Tonnen radioaktiver Müll an. Für eine sichere Entsorgung über Millionen Jahre kann niemand garantieren. Welche gravierenden Probleme schon nach drei Jahrzehnten auftauchen, zeigen die vor kurzem bekannt gewordenen katastrophalen Zustände im Endlager Asse bei Salzgitter. In das Bergwerk tritt Wasser ein und droht die schwach- und mittelradioaktiven Rückstände ins Grundwasser und schließlich in die Umwelt zu schwemmen.
Immer mehr Länder verfügen mittlerweile über das Wissen und die Technik, „zivile“ Kernbrennstoffe oder Rückstände aus den Reaktoren für die Herstellung von Atomwaffen zu verwenden. Bei der Kernspaltung in Atomkraftwerken entsteht atomwaffenfähiges Plutonium und auch die Urananreicherung zur Herstellung von Brennstäben kann zur Erzeugung von waffenfähigem Material verwendet werden.
Die Gefahr eines Einsatzes der Atombomben steigt, je mehr Länder in Krisenregionen über diese Waffe verfügen. Nur wenn wir die Nutzung der Risikotechnik Atomenergie beenden, können wir glaubwürdig weltweit für einen Verzicht auf ihre zivile und militärische Nutzung werben.
Noch mehr Argumente gibt es auf der Webseite 100 Gute Gründe gegen Atomkraft!
Foto: Paula Schramm
Jetzt müssen wir Bürger/innen aufstehen und deutlich machen, dass wir eine Verlängerung der Laufzeiten nicht akzeptieren. Denn noch ist nichts entschieden: Am 28. September muss das Bundeskabinett das Energiekonzept förmlich beschließen, danach muss das veränderte Gesetz in den Bundestag. Es liegt in unserer Hand, eine Renaissance der Atomkraft dauerhaft zu verhindern!
Längere AKW-Laufzeiten blockieren das rasante Wachstum der Erneuerbaren Energien und setzen uns weiter einem tödlichen Unfallrisiko aus. Doch noch sind die Pläne nicht in trockenen Tüchern - jetzt zählt unser Protest.
Unterzeichnen Sie den Appell!